Ein Tag im Gesundheitsamt

Hier arbeiten Menschen für Menschen, bitte vergesst das nicht 

Ich habe diese Woche einen Tag auf dem Gesundheitsamt in Idar-Oberstein ausgeholfen.
Ein Einblick, den ich gerne mit euch teilen möchte.

Da ich beruflich bereits mit unterschiedlichen Datenbanken gearbeitet habe und weiß, was in diesem Bereich möglich ist, ging ich ehrlich gesagt mit einigen Vorurteilen zum Gesundheitsamt.
Der Dienst begann mit einer Lagebesprechung aller Anwesenden. Danach wurde mir als neue Helferin ein Arbeitsplatz zugewiesen und ich wurde von einer netten Kollegin des GAs in meine Aufgabe eingearbeitet.

  1. Job: Stapelweise Personendaten digitalisieren, sprich die Daten aus Papierakten in eine Datenbank eingeben.
    Hierzu muss ich sagen, dass es eine interne Datenbank ist, es gibt also keine Schnittstelle zum RKI o.ä. sodass am Ende des Tages nicht auf Knopfdruck alles übermittelt werden konnte.
    Mein Einblick sagt mir allerdings, dass es nicht die Schuld der Gesundheitsämter ist, sondern sie von Bund oder Land bisher kein System zu diesem Zweck zur Verfügung gestellt bekommen haben.
    Sollte es zukünftig zu dieser Änderung kommen, gäbe es im Landkreis Birkenfeld zumindest schon einmal digitale Daten, die mittels Ex- und Import zu verwerten wären. Nachdem ich meinen 2. Stapel abgearbeitet hatte, freute ich mich über eine andere Tätigkeit. Abwechslung ist wichtig, sonst schleichen sich die Fehler ein, das kennen wir alle 🙂

2. Job: Nun durfte ich ans Telefon. Darauf habe ich mich am meisten gefreut. Ich war so gespannt auf die Stimmung der Menschen in unserem Kreis.

Die Aufgabe war es, verschiedenen Personen ihr Quarantäneende mitzuteilen. Vorausgesetzt, sie sind symptomfrei und ihr negatives Testergebnis liegt vor. Also bei jedem Anruf erstmal nach dem Befinden und vor allem die Temperatur erfragen. Dann prüfen, ob das Testergebnis vorliegt, schließlich konnte die frohe Botschaft überbracht werden.

Bei einigen lag leider das Ergebnis noch nicht vor, diese Akten habe ich gleich mal hinten angestellt, weil ich wusste, dass diejenigen bestimmt nicht sehr erfreut über meine Nachricht sind – da die Folge eine Verlängerung der Quarantäne bedeutet.

Im Laufe meiner Telefonate gab es die unterschiedlichsten Reaktionen:

von der Aufregung über „Moije is Sperrmill bei us, mei Mann kann das Zeisch net alles allän üwa die Stroß drahn“ bishin zu einer gewissen Traurigkeit, dass es nun keine täglichen Anrufe mehr gibt. Gerade ältere Menschen haben sich sehr über den täglichen Anruf der Behörde gefreut. Teilweise ihr Herz ausgeschüttet oder mir bspw. erzählt, was sie die ganze Woche gegessen haben. Ich saß dort mit einem gewissen zeitlichen Druck und trotz alledem wollte ich diese Menschen nicht abwimmeln und habe mir die Geschichten angehört.

Im Großen und Ganzen waren alle sehr freundlich und verständnisvoll, wobei ich aber auch in der glücklichen Lage war, positive Nachrichten zu überbringen.

Ganz anders sah es bei denjenigen aus, bei denen das Testergebnis nicht vorlag. Hier war der Unmut groß, was ich nachvollziehen kann. Es blieb mir nichts anderes übrig, als zu argumentieren, dass die Labore ebenfalls überlastet sind und ich daran nichts ändern kann. Das tat mir unheimlich leid, allerdings ist man da machtlos.

Gegen Nachmittag wurde ich in eine ganz neue Tätigkeit eingearbeitet. Hierzu muss ich bemerken, dass das gesamte Team des GA großartige Arbeit leistet. Neben ihrer eigentlichen Tätigkeit müssen sie sich die Zeit nehmen, den Helfern Aufgaben zu geben und diese auch einzuarbeiten. Alle Festangestellten des GA laufen auf Hochtouren, sie haben lange Schichten hinter sich und vor sich, unzählige Wochenenddienste und trotzdem sind sie immer noch voll motiviert und dabei herzlich und freundlich. Man fühlt sich von der ersten Sekunde dem Team zugehörig, sowas habe ich selten erlebt. Gerade wenn man sich diese schwierige Situation vor Augen hält.

Ein Punkt der mir auch wichtig ist, um euch einen Einblick und die Menschen dahinter näher zu bringen: alle machen sich Gedanken darüber, dass es Anordnungen gibt, die sehr weit in die Privatsphäre der einzelnen Bürger reichen. Sätze wie „Das können wir doch nicht machen, das widerspricht den Grundrechten“ hört man in der Raucherecke. Aber auch „Hast du gelesen, dass wir gestern auf facebook wieder als Vollidioten und Versager beschimpft wurden“.

Hier arbeiten Menschen für Menschen, bitte vergesst das nicht!

3. Job war der, der mich am meisten herausgefordert hat. Nach einer langen und ausführlichen Einweisung, habe ich die Kontaktpersonen einer positiv getesteten Person kontaktiert und musste nun die Entscheidung treffen, ob die Kontaktpersonen zu Kat. 1 oder Kat 2. gehört.

Kat. 1 bedeutet: Quarantäne sofort anordnen und die Fieberambulanz beauftragen diese Personen zu testen.

Kat. 2 bedeutet: es wird ein Fiebertagebuch zur Überwachung angelegt, jedoch keine Quarantäne angeordnet.

Ich musste also nun anhand von verschiedenen Faktoren abwägen, in welche Kategorie diese Person einzuordnen ist. Dabei beachten, dass ich meine Fragen richtig stelle. Mir wurde also vorher erklärt, dass es nicht viel bringt wenn ich frage: „Haben sie sich bei dem Treffen berührt?“, dies wird meistens mit nein beantwortet, wenn aber die Frage kommt „ob man sich mit Handschlag begrüßt hat“ und darauf ein „ja“ folgt, war die erste Frage hinfällig.

Gut – ich habe versucht mir alles so gut es ging einzuprägen und diese Methodik anzuwenden.

Dann war es soweit, mein erster Fall… Die Kontaktperson war kooperativ und hat mir klare Angaben gemacht. Jetzt musste ich eine Entscheidung treffen. Ich habe selbst gemerkt wie ich am Telefon rumdruckse und es mir ultra schwer über die Lippen kam zu sagen: „Sie müssen ab sofort in Quarantäne“.

Nach diesem Telefonat habe ich erstmal tief durchgeatmet und wenn ich ein Stubbi gehabt hätte, hätte ich es wahrscheinlich ex getrunken. Mir wurde erst jetzt klar, dass ich gerade über die Freiheit eines Menschen entschieden habe. Das war ein komisches Gefühl und so ganz wohl habe ich mich dabei nicht gefühlt. Aber es war zu seinem Schutz und zum Schutz anderer. Ich hatte Glück, dass die Person es verständnisvoll aufgefasst hatte. So erging es mir bei der 2. Person nicht. Sie war ebenfalls an diesem Treffen beteiligt und hier war mir von vorne herein klar, sie muss in Quarantäne, da sie direkter Sitznachbar der Indexperson (positiv) war und nicht immer Mund-Nasenschutz während des Treffens getragen hat.

Jetzt wurde es spannend. Hier kam alles zusammen, nicht kooperativ, Corona Leugner und systemkritisch. Letzteres macht mir nichts aus, das bin ich auch oft. Aber hier zählen keine persönlichen Einschätzungen. Ich hatte einen Job und den wollte und sollte ich gut erledigen. Als ich den Hörer aufgelegt habe war es 17:15 Uhr – Feierabend. Den hatte ich nötig 🙂

Als Fazit nehme ich mit, dass wir trotz Corona ein aufgeschlossenes Völkchen im ländlichen Raum sind. Wir haben alle unsere Ecken und Kanten, aber ich glaube wir haben die Kraft das halbwegs gut zu meistern. Solange wir uns gegenseitig treu bleiben und nicht zu viele Vorurteile äußern, von denen wir keine richtige Einschätzung haben.

Steffi Schwarz von unserBIR